FILM & TV, FRANKFURT

5 GRÜNDE, WARUM DU FARGO SCHAUEN MUSST (REVIEW)

Zeit für den nächsten Serienhit: Mit Starbesetzung und großartiger Erzählweise befördert sich „Fargo“ in die oberen Reihen der besten Serienstarts 2014.

Seit einigen Jahren wissen wir: Die Welt liebt Serien. Einst leicht verrufen und das Sammelbecken für gefallene Schauspielerseelen, gelten Serien heute als das neue Kino. Egal ob „Homeland“, „Breaking Bad“, „House Of Cards“, „Game Of Thrones“, „The Walking Dead“, „Sherlock“, „Dexter“ oder „Boardwalk Empire“: Serien sind heute mehr als nur ein bisschen abendlicher Zeitvertreib.

Wir leiden, wir schreien, wir springen durch unsere Wohnzimmer… zumindest ich tue das gelegentlich. Das macht auch alles total Sinn: Schließlich können sich hier Charaktere und Geschichten entfalten, wie es im Zeitfenster von Filmen oft gar nicht möglich ist. Dennoch sind Filme auch einfach viel beschissener geworden. Da muss man sich nichts vormachen.

Der Film „Fargo“ aus dem Jahre 1996 ist aus einer Zeit, da waren Kinos noch voll und Filme im Durchschnitt qualitativ ein bisschen höher. In der tristen und verschneiten Kulisse einer amerikanischen Kleinstadt mitten im Nirgendwo erzählen die Coen-Brothers die Geschichte der schwangeren Polizistin Marge Gunderson, die in einem skurrilen Entführungsfall ermittelt. Der Film bestach damals durch seinen schwarzen Humor und seine eigenartigen Charaktere. Ganz wunderbare Zutaten, um daraus eine Serie zu formen.

18 Jahre später hat man sich endlich getraut: „Fargo“ wurde zur Serie gemorpht und all zu viel vom Original ist nicht geblieben. Soll es aber auch nicht. Statt die schon längst erzählte Geschichte des Filmes nochmals neu aufzurollen, bedient man sich nur gewisser Elemente. Setting, Orte, Atomsphäre, Humor – die Serie ist eine Hommage an den gleichnamigen Film, keine Weiterführung.

Vergangene Woche bekam Deutschland endlich Netflix. Und mit ihm Zugriff die angepriesene Serie aus den USA. So hab ich mich nur einige Sekunden nach Abschluss des Abos für zwei Tage in der dunklen Wohnung verbarrikadiert, mir diverse Putenbrust-Sandwiches im heimischen Kontaktgrill gezaubert und über 24 Stunden verteilt alle zehn Episoden der ersten Staffel geschaut und mir immer wieder nur gedacht: Ihr müsst das sehen. Warum? Ich gebe euch fünf Gründe.

 

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1. Ein Hauch von Twin Peaks…

„Fargo“ erzählt die Geschichte um die Ermittlungen mehrerer Morde innerhalb der Stadt Bemidji. Auch wenn Story und Setting ganz klar in Richtung des filmisches Originals winken, lässt sich der Einfluss nicht nur darauf beschränken. „Twin Peaks“ – Urgestein der Mystery-Serien und Kultwerk von David Lynch, erzählte die Geschichte um die Aufklärung eines Mordes an der jungen Laura Palmer. Die Besonderheit der Serie lag aber weniger in seiner Geschichte, sondern in der Schrägheit seiner Charaktere. Keiner der Figuren in“ Twin Peaks“ wirkte normal. Ein Umstand, der den recht einfachen Handlungsstrang erst interessant machte.

Ein Prinzip, das auch in „Fargo“ zum Einsatz kommt. Der Fokus liegt ganz klar auf den schrägen Typen und weniger auf der schrägen Geschichte. Vom verwirrten Hauptprotagonist Lester Nygaard, der verrückten Hess-Familie, dem dümmliche Polizist Bill Oswalt, das sich per Zeichensprache-verständigende Verbrecherduo Mr. Wrench & Mr. Numbers bis hin zu Superschurke Lorne Malvo – nur die wenigsten der in „Fargo“ auftauchenden Figuren geben einem das Gefühl von Normalität. In Kombination mit der Kulisse der amerikanischen Kleinstadt ein Bild, das nur allzu gerne an die Kultserie der 80er erinnert.

 

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2. …und Stanley Kubrick

Stanley Kubrick hat die Filmwelt zu Lebzeiten regelrecht auf den Kopf gestellt. Lange Kamerafahrten vollgepackt mit Symmetrie. Ungewöhnliche, verstörende Soundtrack-Einsätze. Lange Pausen in Gesprächen kombiniert mit ausführlichem Blickaustausch. Seine Kunst war das Spiel aus Sprache, Farbe, Form und Klang. Ein Virtuose eben. Alles Elemente, die auch in der Machart von „Fargo“ einem des öfteren ins Auge stechen. So verdächtig oft, dass der Gedanke aufkommen könnte, hier war wohl jemand Kubrick-Fan. Und das sehr gekonnt. Eine weitere Hommage, die das Herz von so manchen Cineasten höher schlagen lässt.

 

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3. Billy Bob Thornton ist der Boss! 

Billy Bob Thornton kenne ich irgendwie nur wegen zwei Dingen. Zum einen wegen seiner Rolle in „Bad Santa“. Vor allem aber kenne ich Billy Bob Thornton, weil die Angelina Jolie und er anscheinend mal ziemlich guten Sex hatten. Zumindest haben die beiden immer darüber gesprochen, als ihre rasende Beziehung voller Leidenschaft vor langer Zeit durch die Medien kursierte. Da war die Angelina noch wild und hemmungslos. Da kam halb Afrika leer adoptieren noch nicht in Frage. Sie soll sogar einen Behälter mit Billys Sperma als Kette um den Hals getragen haben. Nicht viel, nur ein paar Tropfen. Als Andenken. Macht Sinn.

Tatsächlich ist der gute Mann fernab seiner Rolle als Befüller von Damenschmuck auch ein wahnsinnig talentierter Schauspieler. Mit der Rolle als Lorne Malvo kreiert Billy Bob in „Fargo“ einen dieser Bösewichte, die ein absolut krankes Schwein sind, aber die man trotzdem irgendwie sehr gern hat, egal wie viel Scheiße sie anstellen. Lorne Malvos Seele ist nicht schwarz, sie ist leer. Voller Gelassenheit und Ruhe, stets mit einem kalten Lächeln im Gesicht, wandert er durch die Welt, als hätte er die Begriffe „Regeln“ und „Gesetze“ in seinem ganzen Leben noch nie gehört und agiert dabei so bitterböse, dass selbst Gustavo Fring einen Knicks vor seiner Leistung machen würde. Von Herrn Thornton perfekt umgesetzt und höchstwahrscheinlich jetzt schon einer der Emmy-Anwärter 2015. Anbetungswürdig!

 

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4. …alle anderen aber auch.

Ja, nicht nur der Billy Bob hat sich mit „Fargo“ ein paar kräftige Lorbeeren verdient. Schauspieler wie Martin Freemann („Der Hobbit“, „Sherlock“), Colin Hanks („King Kong“, „Orange County“), Oliver Platt („X-Men“, „Frost/Nixon“, „Flatliners“), Kate Walsh („Private Practice“), Bob Odenkirk (Saul Goodman aus „Breaking Bad“) sowie die noch recht unbekannte Allison Tolman lassen jede einzelne der insgesamt 10 Episoden in einem qualitativ hochwertigen Licht erscheinen. Vom Hauptcharakter bis zur kleinsten Nebenrolle hat man hier ein sicheres Händchen für das richtige Casting bewiesen. Eine Besetzung, die sich die meisten Hollywood-Filme wünschen würden.

 

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5. Ein kleiner „Breaking Bad“-Ersatz 

Klar, nichts erreicht die Genialität, Bildgewalt und Schweißausbruchdichte von einem Meilenstein wie „Breaking Bad“. Auch „Fargo“ nicht. Aber „Fargo“ ist das kleine, schöne Geschenk, auf das man seit einem Jahr ungeduldig wartet. Denn die Geschichte, die in dieser Serie steckt, hat erkennbare Parallelen zu dem, was wir an „Breaking Bad“ kennen und lieben gelernt haben. Der Ausbruch aus dem Alltag eines ungewöhnlichen Helden und seine Veränderung. Sein wachsendes Gefallen am Bösen. Die Schwenker der Geschichte nach links und rechts. Die nötige Zeit, ein Bild zu erzählen. „Fargo“ hat das alles auch. Nur in kleiner. Verlegt in den Schnee. Zusammengefasst auf eine Staffel. Und unterschwellig mit Sicherheit als liebevolle Hommage zu verstehen. Nicht als Kopie.

 

Fazit: 
Auch wenn die erste Staffel abgeschlossen ist und die Messlatte für nachfolgende Seasons mit neuer Handlung und neuen Charakteren sehr hoch gelegt wurde, bleibt zu hoffen, dass den Machern von „Fargo“ ein weiterer Wurf mit der zweiten Staffel gelingen wird. Das könnte der Beginn von etwas ganz Großen sein. Aber selbst wenn nicht: Diese hier ist und bleibt ein kleines Meisterwerk. Also Freunde: Netflix Testmonat besorgen, loslegen.

Euer
Rockstah

 

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