FRANKFURT, MUSIK

„HIER IST GERADE AM MEISTEN LOS“ – VEGA ÜBER SEIN ALBUM KAOS UND FFM TEIL 2/2 (INTERVIEW)

Ich hatte die Gelegenheit, den Horst des Adlerjungen Vega besuchen zu dürfen und ihm für RUN FFM einige Fragen zu seinem am 16.01.2015 erscheinenden Album „Kaos“ zu stellen. Im Hauptquartier des Freunde von Niemand-Labels bin ich der Letzte, der ihn an seinem ganztägigen Promotag zu sprechen bekommt.

Trotz dieser Strapazen, Klimaanlagenissues („Ich bin tatsächlich ne Forstbeule“) und Diskussion über die Notwendigkeit der Anschaffung einer Kaffeemaschine sitzt mir ein müder, aber trotzdem gut gelaunter Vega gegenüber. Wir unterhielten uns in Teil 1 über sein HipHop-Verständnis und den Einfluss, den Rap auf seine Jugendjahre hatte.

Nun gibt er uns einen Einblick in den Entstehungsprozess des Albums und verrät die Erlebnisse seiner Zusammenarbeit mit AZAD, Moses Pelham und Savas. Liveauftritte, die alte Batschkapp und die HipHop-Szene in Frankfurt sind ebenfalls Thema. Darüber hinaus konnte ich Vega gegen Ende des Gesprächs noch einige kulinarische vegane Empfehlungen entlocken.

Viel Spaß mit dem zweiten Teil des Interviews.

vega-21

 –– MESSAGE DES ALBUMS „KAOS“ ––

„Ich versuche natürlich immer eine Message rüberzubringen mit den Sachen, die ich mach, auch wenn mir das nicht immer gelingt. Aber da bin ich natürlich auch nur ein Mensch und mache Fehler, klar. Aber ich meine der erste Song vom Album heißt „Kaos“, der letzte Song heißt „Kosmos“, das ist das Gegenteil von Chaos. Also quasi Ordnung und Unordnung, und genau das beschreibt das Album auch. Es ist sehr gegensätzlich. Es gibt sehr, sehr ruhige Momente, sehr tiefe Momente und es gibt sehr aggressive, chaotische, radikale Momente.“

–– POLITISCHE AUSSAGE ––

„Eine politische Aussage nicht direkt, aber sobald ich eine Message habe, ist die ja immer politisch. Also ist ja im Endeffekt jeder Mensch, der zu gewissen Zuständen oder Geschehnissen eine Meinung hat, politisch. Also es gibt natürlich auch Songs, die relativ plump „alle Polizisten sind scheiße“ ausdrücken. Das sind Dinger, die so wutmäßig sind, aber speziell hoch politische Song sind auf jeden Fall nicht drauf. Die Sachen die deep sind, sind nicht unbedingt gesellschaftskritisch oder allgemein, sondern eher persönliche Momente gewesen. Ein Unfall von einem guten Freund und solche Geschichten.“

–– ENTSTEHUNGSPROZESS DES ALBUMS ––

„Es ist ein neuer alter Sound, wobei Sound ist ein bisschen das falsche Wort. Es geht eigentlich größtenteils darum, dass mein Feeling, als ich das Album gemacht habe, als das Album entstanden ist, wieder das war, wie ich das bei „Lieber Bleibe Ich Broke“ hatte. Vielleich liege ich auch komplett daneben, wenn ich sage, das ist ’n bisschen so wie „Lieber Bleibe Ich Broke“, denn die Mukke ist natürlich eine ganz andere. Das ist sechs bis sieben Jahre her. Ich meine, das Feeling, als ich es geschrieben habe, war dasselbe.

Ich war einfach …, im Kurzabriss: Vom Management getrennt, Lebensgefährtin getrennt, Wohnung gekündigt und zurück in mein Kinderzimmer gezogen. Ich saß halt einfach schlicht und ergreifen an demselben Ort, an dem ich meinen ersten Rap Song geschrieben hab, an dem ich auch „Lieber Bleibe Ich Broke“ geschrieben hab und habe wieder angefangen mein Album zu schreiben. Und ich war wieder genauso draußen mit den Jungs. Auch mit Ende der Beziehung und dann wieder unterwegs, gesoffen und mit den Jungs, es war einfach alles so, wie es damals war. Ich war broke des Todes, total bekloppt im Schädel und hab wieder in meinem Kellerloch gewohn auf gut Deutsch. Und das ist das, was ich meine. Deswegen ist dieses Album so, wie’s jetzt geworden ist.“

–– KOMPLETTER UMBRUCH INNERHALB WENIGER TAGE ––

„Das Problem war auch, dass es keine Schonzeit gab. Das war so: Ich hab mich von meinem Management getrennt, was relativ abrupt kam, und dann innerhalb von zwei bis drei Tagen auch relativ fix von Freundin. Und dann, zack – Wohnung gekündigt, einfach so. Das ging einfach so. Innerhalb von sieben Tagen hat sich einfach mein komplettes Leben, wie ich es vorher vier bis fünf Jahre gelebt habe, vom einen auf den anderen Tag geändert. Ich mein, es war in der Hinsicht eigentlich nicht schlimm, weil ich glücklich damit war, weil das war ja auch das, was ich wollte. Aber das war halt einfach eine übertrieben verrückte Geschichte.

Und man merkt auch dann überhaupt erst …, also da ist dann ja das erst mal der Zeitpunkt, bei dem man nach seinen Prioritäten guckt und dann merkt, wie ist das jetzt? Ich hab jetzt hier fünf Jahre lang Zeit in den und den und den Menschen investiert und die sind jetzt alle weg, und die Leute, die jetzt wieder da sind, sind die, die aber auch davor schon da waren. Man merkt dann, man investiert oft in die falschen Leute. Und am Ende des Tages ist es eben auch so dieses Family Ding. Ich meine jetzt damit auch beste Freunde und nahe Familie, Mutter, Vater, Stiefvater, was auch immer man um sich rum hat. Das ist einfach der Übershit. Also das ist alles, was bleibt, wenn’s einen großen Knall tut.

Das waren auch meine ersten Zufluchtspunkte. Natürlich erst mal nach Hause zu meiner Mutter, dann zu Andi, jetzt neu im Management [von Freunde von Niemand, Anm. d. Red.] und zu meinen anderen zwei bis drei besten Jungs, mit denen ich unterwegs bin. Das war genau der Weg. Da wusste ich sofort: Okay, die sind alle noch da, nur das ist erst mal wichtig. Jetzt brauch‘ ich nur noch irgendeinen Ort, wo ich schlafen kann, und was zu essen und dann lass uns mal morgen gucken, wie wir wieder alles auf die Kette kriegen. Es ist brutal. Es ist auch irgendwie dramatisch, aber es ist natürlich auch die Chance für einen unglaublichen Neuanfang. Man muss am Ende des Tages natürlich auch die Chance darin sehen.“

–– „KAOS“ TOUR ––

„Ich bin fast regelmäßig bewusstlos, wenn ich auf die Bühne renn‘. Also ich hab wirklich so übertriebenst Adrenalinschübe. Ich hatte schon so, dass Arme und Beine taub geworden sind, so geisteskrank. Gerade wenn ich in Frankfurt auf die Bühne gehe, bin ich richtig auf Schub. Es gehört natürlich dazu. Ich muss ja eh auf die Bühne. An der Show an sich wird sich nichts ändern, aber die kommende Tour wird mit Band gespielt.“

vega-3

–– ALTE UND NEUE BATSCHKAPP ––

„Ich muss sagen, dass die neue Batschkapp die bestmögliche Version von ’ner neuen Batschkapp ist, deswegen find ich’s nicht ganz so schlimm, aber die alte hatte natürlich ’n krassen Charm und ne krasse Geschichte. Da hat ja auch irgendwie mein komplettes Rap Ding erst als Fan und dann als Künstler angefangen. Zwar eher im Nachtleben, aber dann auch in der Batschkapp. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die neue Batschkapp in 20 Jahren denselben Status haben wird wie die alte.“

–– ZUSAMMENARBEIT MIT AZAD, SAVAS UND MOSES ––

„Das war auf jeden Fall überkrass. Mit AZAD, Savas und Moses gemeinsam zu arbeiten, war auf jeden Fall ein krasses Erlebnis, wobei Moses nochmal allem die Krone aufgesetzt hat. Ich hab das zwar nicht erwartet, aber irgendwie hat der mich als Mensch am stärksten fasziniert im Nachhinein.“

–– HIPHOP SZENE IN FRANKFURT ––

„Für mich ist Frankfurt nach sehr, sehr, sehr, sehr langer Zeit jetzt endlich an dem Punkt angelangt, dass man sagen kann, hier ist gerade am meisten los. Meiner Meinung nach auch die hoffnungsvollste Szene in Deutschland und auch die beste. Und Frankfurt hat nie diesen Raphauptstadt Titel bekommen, weil die Leute sich immer größtenteils selbst im Wege gestanden haben. Meiner Meinung nach ist Frankfurt zur Zeit die wichtigste Stadt in Rapdeutschland. Gerade wegen Haft, wegen Azzlackz, wegen Freunde Von Niemand.

Eigentlich ist ja auch jede Legende, die es in der Deutschrap-Welt gibt, aus Frankfurt. Es ist halt einfach Fakt. Ich mein es ist egal, ob es ein Tone ist, ob es ein Moses ist, ob’s ein AZAD ist. Es gibt natürlich außerhalb noch Savas und Curse, und wenn man möchte, kann da auch gerne noch ein Samy oder Afrob dazuzählen, aber in geballter Form ist hier in Frankfurt schon die krasseste HipHop Stadt in Deutschland. Gerade auch mit den Newcomern wie Credibil.

Es ist meiner Meinung nach schade, dass es keinen Ort gibt, wo sich die Szene trifft. Dass es keine Sache wie „Rap am Mittwoch“ oder eine Jam gibt, die öfters stattfindet, wo sich die Leute treffen. Das liegt aber auch daran, dass Frankfurt diese Freestyle-Szene nicht so krass hat und dass hier alles sehr straßenrapplastig ist. Die Leute sind sich auch alle zu cool, um rauszugehen und sich zu zeigen miteinander, ziehen ihr Star Ding durch. Das ist für mich schade, weil das gibt’s in anderen Städten.“

–– ZUSAMMENHALT DER FRANKFURTER RAP SZENE ––

„Es ist einfach ein Coolness Problem. Die Leute sind sich einfach alle zu cool und zu sehr in ihrem Rap Star Film, glaube ich, als dass die zu HipHop Veranstaltungen hingehen würden. Und das große Problem ist natürlich auch, dass wir als Freunde Von Niemand halt keinen wirklichen Freestyle-/Battle-Hintergrund/-Charakter haben. Sonst könnte man das auch ein bisschen selbst in die Hand nehmen.“

–– VEGAS TAGESABLAUF ––

„Relativ unspektakulär. Ich wache auf, steh auf, trink‘ ein Kaffee, bring‘ meinen Hund in den Wald. Das ist halt eigentlich so der erste Move morgens. Mit dem Hund raus gehen, und wenn ich wieder zu Hause bin, bin ich auf der Suche nach veganer Nahrung und check dann ab, ob die Jungs hier für mich irgendwas haben, und was ich zu tun hab, und wenn’s mir in den Kram passt, dann mach ich’s.“

–– INTERESSANTESTE NEUENTDECKUNG SEIT SEINEM VEGANEM LEBENSSTIL ––

„Die interessanteste Neuentdeckung ist leider tatsächlich …, da muss man sagen, ist Frankfurt nicht on top in Deutschland. Da ist man in Berlin halt wesentlich besser dran. Frankfurt ist immer noch top, ich würde sagen, nach Berlin die Veganer-Hauptstadt, aber da ist Berlin halt einfach ein Paradies. Wir waren dort in Friedrichshain, Kreuzberg und in jeden Laden, in den du gehst, flippen die halt aus mit veganem Shit. Und da gibt es einen Laden, der heißt Lily Burger, und da bin ich zwei bis drei Mal richtig ausgeflippt.

Ansonsten hier in Rödelheim, Savory. Oder Moses hat mich gezwungen, den veganen Döner bei Veganz in Bornheim zu essen. Den aus dem Teller zu essen, ist eine Katastrophe, du musst den im Brot essen. Ansonsten um weitere kulinarische Tipps zu verbreiten, Aroma auf dem Oederweg, bester Falaffel, bester Humus meiner Meinung nach, da bin ich auch kurzzeitig paar Monate ausgeflippt.

Aber das ist eigentlich lächerlich, was ich jetzt die ganze Zeit gesagt habe. Die Neuentdeckung des letzten Jahres ist Aroydee, ein Thailänder am Eschersheimer Turm. Also dass die mich nicht mit Vornanem begrüßen, wenn ich da rein komme, ist tatsächlich ein Wunder. Tofu Ente – phänomenal! Fünf oder sechs vegane Gerichte. Eigentlich kann man fast tatsächlich sagen, dass ich dort jeden Tag bin. Also wenn ich in der Stadt bin, bin ich auch da.“

Wir hatten bereits die Gelegenheit, in das Album reinzuhören. Im Vorfeld wurde viel über den „neuen Sound“ des Albums gesprochen. Wer jetzt befürchtet, dass Vega den Olsen macht, kann sich beruhigen. „Kaos“ ist Vega in Höchstform und kommt diesen Freitag (16.01.15) raus – sämtliche Infos haben wir für euch hier!!

VEGA: FacebookInstagramTwitterYouTubeauf RUN FFM

Yoscha

 

Bilder: Daniel Esswein

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply


*