INTERVIEW, MUSIK

„Immer Ready für immer“ – Marvin Game im Interview

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30.03.16/ Mauli Konzert/ Das Bett/ Frankfurt/ Backstage/ mehrseitige Notizen im Anschlag/ Tiefenpsychenanalyse the Misson: Wie tickt dieser Marvin Game aus Berlin, Moabit? Abgehoben oder bodenständig? Selbstreflektiert oder verblendet? Stärken und Schwächen? Beziehungsmensch? Visionär? Kiffer? We got the answers. Viel Spaß!


Was ist dein Anspruch an deine Musik?

„Es kommt drauf an, ob ich Album Songs mache oder ob ich so schnell mal was schreibe. Aber ich möchte schon nachhaltig gute Musik produzieren und nicht einen Song machen, der in zwei Jahren scheiße ist.“

Was bedeutet für dich „nachhaltig gute Musik“ zu machen?

„Dass ich Wert auf die Ästhetik lege, Wert auf die Produktion, Wert auf meinen Stimmeinsatz, Wert auf meine Wortwahl, Wert auf die Werte, die ich vertrete, solche Dinge. Damit ich in fünf Jahren nicht sage: „Boah, was hab ich da gesagt, hätte ich mir mal lieber verkniffen“.“

Machst du dir viele Gedanken? Steckst du viel Arbeit in das Recorden?

„Ins Recorden steck ich leider viel zu wenig Arbeit rein, weil ich ehrlich gesagt nicht dazu komme. Aber ich mache mir sehr viele Gedanken über das, was ich in meinen Texten sage und wofür ich nach außen stehen möchte. Wo meine Schokoladenseiten sind, die ich auch nach außen jedem zeigen möchte.“

Entstehen die Songs aus einer Emotion heraus, aus einem Gefühl?

„Ja, eigentlich immer. Früher war das öfters so, dass ich einfach etwas geschrieben habe, dass ich mir gesagt habe: „Okay, ich schreib jetzt was“. Aber heute schreibe ich nur noch, wenn irgendwas passiert oder wenn gerade ein Moment kommt. Ich schreibe auch sehr selten in letzter Zeit. So auf Tour schreibe ich wieder, im Bus manchmal. Wenn gestern was Geiles passiert ist, dann schreibe ich ein Part.“

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Ist das so, dass du einen Beat hörst und dir denkst: „Der macht mich schwermütig.“? Und schreibst dann aus dieser Emotion heraus?

„Das ist immer anders. Wenn ich mit Morten im Studio arbeite, also wenn wir von Grund auf etwas machen, dann ist es immer erst der Beat. Aber wenn ich unterwegs bin, dann hab ich manchmal eine Line im Kopf oder eine Melodie für eine Hook und dann mach ich‘s immer unterschiedlich. Manchmal geh ich mit Morten ins Studio. Dann bin ich mit Niqo Nuevo im Studio, der produziert auch viel für mich. Manchmal picke ich einen Ami-Beat im Internet, weil der gerade passt und ich so motiviert bin zu schreiben. Das kann ich nicht definieren. Am allerliebsten mag ich‘s aber im Studio zusammen mit Morten alles von Grund auf zu produzieren und von Grund auf alles zu schreiben und gemeinsam im Prozess drin zu sein und ein Stück Musik zu schaffen. Oder sogar zu dritt.“


MORTEN
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Ist es für deine zukünftigen Projekte angedacht, dass alles aus einer Produzentenschmiede, aus dieser Gang-Schmiede heraus kommt? Weil „Freust du dich schon?“ wirkt eher zusammengewürfelt.

„Das Mixtape ist ja auch voll zusammengewürfelt. Das sind teilweise Songs, die zwei Jahre rumlagen. „Kiffer“ habe ich Anfang 2013 geschrieben und aufgenommen. Das lag halt alles rum, und ich wollte eigentlich ein Album machen und vorher ein Mixtape oder eine EP droppen. Aber dann hat sich mein Album so lange verschoben, weil ich mit dem Mixprozess nicht zufrieden war, manche Songs mir nicht mehr gefallen haben und ich dann nicht überstürzt ein Album droppen wollte. Ich will ein Album lieber in geregelten, gesegneten Strukturen rausbringen und ein Mixtape konnte ich halt mal eben so droppen. Deswegen heißt es ja auch „Freust du dich schon?“. Kein Song auf diesem Mixtape hat zwei Parts. Doch einer, bei „Auto vor der Tür“, aber der zweite war Freestyle. Alle anderen Songs haben ein Part. Eigentlich brauchte ich nur Output, damit ich Mucke habe, die ich auf den Festivals spielen kann. Ich hab mir gesagt: „Okay, ich nehme ein paar Songs, die rumliegen, das passt auch irgendwie zum Zeitgeist und hau die einfach raus“. Bei meinem Album und meiner EP, die jetzt kommt, habe ich mir schon ein bisschen mehr Gedanken gemacht als bei „Freust du dich schon?“.“

Würdest du dich als Visionär bezeichnen?

„Ja, auf jeden Fall schon.“

Weil die ersten drei Stichwörter, die wir auf dem Zettel haben, sind: „Visionär“, „Fernweh“ und „Zielstrebig“.

„Warum Fernweh?“

„Ich war grade fünf Wochen nicht in der Stadt, aber nichts verpasst, also hau ich wieder ab“ (Marvin Game – „Gewinner“). Dieses Motiv kommt öfter in deinen Tracks vor.

„Ja. Ich bin halt viel nicht zuhause.“

Auch gerne unterwegs, oder? Immer da, wo die Action ist? „Die Zukunft ist da, lass mal jetzt was erleben“ (Marvin Game – „Gewinner“).

„Ja, auf jeden Fall.“

Es gibt ja die Menschen, die sagen, ich habe meine Heimat, da muss ich mal wieder hin, das ist bei dir eher nicht so. Sogar das Gegenteil, nach dem Motto: „Das ist mir egal?“

„Früher war das genau das Gegenteil bei meiner Musik. Ich habe immer nur über Moabit gerappt in meinen alten Songs. Lieb die Gegend auch nach wie vor und mir ist auch aufgefallen, dass ich die ein bisschen vernachlässigt habe in meiner Musik. Ich habe das heute in dem Part, den ich geschrieben habe, mal wieder erwähnt. Ich lieb die Gegend voll und solange ich nicht aus Berlin wegziehe, ziehe ich auch da nicht weg. Aber wenn ich irgendwo hinziehen sollte, wo die Sonne scheint, dann gerne. Also gerne Fernweh nach Kalifornien oder Jamaika oder so. Warum denn nicht deutschen Rap machen, ihn im Internet pushen und alles in einem anderen Land machen?“

Würdest du dich als bodenständig beschreiben?

„Ich glaube ja?! Weil ich in einem Song sage, bei Lakman im Auto: „Fick bodenständig“, oder was?“

Nein, das ist ein Motiv, das sich ebenfalls durch die Songs zieht. Du sagst zum Beispiel: „Alles was ich hab, ist alles was ich brauch“. Und auf der einen Seite aimst du high, zu den Sternen, aber auf der anderen Seite…

„Ich glaube eigentlich schon, dass ich bodenständig bin. Ich habe zwar hohe Ziele, für die mich andere Leute für verrückt halten oder die in normalen gesellschaftlichen Bedingungen als verrückt gelten. Aber ich denke schon, dass ich sehr bodenständig bin. Ich hab schon meine Eskapaden mit Geld gehabt. Zu viel Geld ausgegeben und zu viel Geld eingenommen. Das habe ich schon mal durch. Das muss ich nicht nochmal machen und seitdem glaube ich… Keine Ahnung… Wie definierst du denn bodenständig? Bist du bodenständig, wenn du genug Cash auf dem Konto hast und ein Garten vor dem Haus…?“

Rational und realitätsnah vielleicht?

„Was ist denn realitätsnah?“

Zum Beispiel, dass man mit den gegebenen Ressourcen haushaltet.

„Dann bin ich definitiv bodenständig.“

Jemand, der keine wirren Ideen hat, sondern sich klare Ziele setzt.

„Ich habe aber wirre Ideen und mache die realistisch und setze die in der Realität um. Also so gut es geht. Dass es nicht immer klappt, wie ich es mir genau vorstelle, weil ich halt immer höher ziele als irgendwie möglich oder auch ein kleines bisschen unrealistisch, aber keine Ahnung. Wenn man nicht auf dem Mond zielt, dann landet man nicht bei den Sternen.“

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Als Kunstfigur ist Marvin Game sehr greifbar und wirkt authentisch. Du gibst sehr viel Selbstauskunft. Vermittelst du Werte, die du auch allgemein als schätzenswert beurteilen würdest?

„Eigentlich sollten viel mehr Menschen diese Werte vermitteln, diese Positivität, Hartnäckigkeit, „Going The Extra Mile“, so einen mehr machen als alle anderen, aktiv sein. Aufstehen, wenn man einmal gefallen ist, weitermachen. Nicht acht Stunden arbeiten, nach Hause gehen, abends „Wer wird Millionär?“ gucken und schlafen gehen. Nicht sich irgendwelchen Richtlinien anzupassen, sondern auszubrechen. Viele Künstler machen das, also brechen aus diesem Konstrukt aus, aber preachen das nicht, oder reden nicht darüber. Jeder soll auch machen, was er möchte, aber ich empfinde es als wichtig für mich, dass ich dahinter stehe, weil das das ist, was mich jeden Tag beschäftigt.“

Wir haben auch „Selbstverwirklichung“ als DAS Motiv herauskristallisiert.

„Ich überleg mir halt, was ich machen möchte, was ich haben möchte, wer ich sein möchte und dann arbeite ich dafür.“

Das ist zum Beispiel bodenständig.

„Okay, dann bin ich bodenständig. Meine Ex-Freundin sagt, ich bin nicht bodenständig.“

Deine Ex-Freundin? Ist ja auch schwierig mit Langzeitbeziehung, oder (Marvin Game – Bleiben)? Aber da bist du ja auch ehrlich und sagst dann: „Hier läuft nicht“…

„Alter, du musst mal mein Album hören…“

Bist du eher ein Beziehungsmensch? Hast du Lust auf eine Langzeitbeziehung?

„Wenn da draußen eine Frau rumläuft…, dann ja. Aber ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass das alles eine Erfindung von Disney ist.“

Ohhhh (Aufrichtiges Bedauern wird ausgedrückt, Anm. der Redaktion).

„Ach nein, natürlich Bruder, so ist das nicht gemeint. Ich weiß, dass es das gibt, aber man muss halt den Disney Moment finden meiner Meinung nach. Ich will nicht irgendwas auf: „Ja okay, die ist cool, mit der könnte ich vielleicht, weil die hat ja dieselben Ziele wie ich und weiß ich nicht…““

Gab es schon mal eine solche Situation?

„Ja, ich habe auf jeden Fall schon mal Disney gehabt.“

Du trinkst kein Alkohol mehr?

„Dooooch, du solltest mal Hennessy Marvin fragen, ob er Alkohol trinkt! Auf Tour ist immer Ausnahme. Zuhause mache ich zu viel Sport und ernähre mich zu gut, als das ich mir das mit Alkohol kaputt machen möchte. Ich trinke dann vielleicht einmal im Monat, aber ich schieß mich nicht mehr ab.“

Trainierst du den Bizeps?

„Ja schon. Ich mache jetzt nicht so pumpen mit „Fifty Shakes Of Whey“. Ich mach mehr so Cardio und Schattenboxen, sowas, um fit zu bleiben.“

Hast du Probleme mit dem Rap-Game, weil es in deinen eigenen Werten widerspricht?

„Also wenn ich einen Song mache über Süßigkeiten, die Koalabären heißen und die von Nestlé produziert werden, dann fühle ich mich schon ein bisschen scheiße danach.“

Müllermilch ist auch böse.

„Trink‘ auch am besten kein Wasser mit Fluorid.“

Wasser mit Fluorid? Das Mysterium kenne ich noch nicht.

„Informier dich, Bruder. Fluorid ist ein Abfallprodukt, das ins Trinkwasser gepackt wird. Ich habe selber nur gefährliches Halbwissen aus dem Internet, aber jeder soll sich ein bisschen schlau machen.“

Aber worauf ich hinaus wollte… Fühlst du dich fehl am Platz im Rap-Game mit Werten wie Ehrlichkeit,…?

„Ich bin gar nicht im Rap-Game. Bin ich im Rap-Game? Ich mach Musik mit meinen Leuten, durch die Show bei 16BARS lerne ich ein paar Leute kennen, aber ich würde nicht sagen, dass ich im Rap-Game bin. Also, auch wenn ich Videos bei 16BARS oder so hab, findet meine Fanbase, glaube ich, woanders statt als im Standard Rap-Game. Da gibt es definitiv eine Schnittmenge, aber ich glaube, dass ein Großteil meiner Fans außerhalb der existierenden Rapwelt auftauchen wird.“

Wo kommt die her? Wer sind diese Menschen?

„Alle zwei Jahre kommen seit 2015 ca. zwei Millionen neue Hip-Hop Hörer dazu, weil sie einfach vorher noch kein Hip-Hop gehört haben. Weil sie entweder erst in das Alter kommen oder weil sie durch einen Künstler darauf gebracht werden, und das sind die, auf die ich abziele. Ich glaube schon, dass auch ein Farid Bang Fan mich mögen kann und auch ein Cro Fan kann mich mögen, aber der Standard-Deutschrap-Hörer ist nicht unbedingt mein Fan, glaube ich. Weiß ich nicht, wer so auf Doppelreime zählen steht, der kommt bei mir nicht weit.“

Bist du eher ein rationaler oder ein emotionaler Mensch?

„In Bezug auf mein Business bin ich sehr rational mittlerweile, das habe ich irgendwann verstanden. In Bezug auf das Leben und Frauen und so bin ich voll emotional. Also ich probiere auch mich da zurückzuhalten. Dass ich mir in einem emotionalen Moment sage: „Okay Marvin, du bist jetzt gerade emotional, rede mal lieber morgen weiter“. Das bekomme ich mittlerweile hin, aber ich bin schon sehr emotional. Also ich nehme Sachen mit, aber so kann ich dann auch schneller damit abschließen, wenn ich Sachen verarbeite.“

Ja, es hilft bei der Verarbeitung und auch bei der Impulskontrolle, würde ich sagen?

„Je mehr ich falsch gemacht habe bezüglich dessen, also wenn ich falsch emotional gehandelt habe, desto mehr ist mir klar geworden, wie ich in solchen Situationen reagieren sollte. Und wenn ich dann so emotional bin, weil ich akzeptieren muss, dass ich so emotional bin, dann halte ich mich einfach zurück in dem Moment und rede einen Tag später weiter, weil ich dann einfach Sachen sage, die ich aus Wut, aus Trauer, aus Eifersucht, aus sonst was heraus sage. Jeder trägt manchmal so negative Emotionen in sich, die eben aus einer gewissen Situation hervorkommen, aber ich probiere eigentlich nur Positivity zu spreaden und alles Negative in mir zu lassen oder unter vier Augen mit guten Freunden auszusprechen.“

Die Gefahr ist halt, dass die Gefühlsebene den Sachinhalt verfälscht. Du sagst irgendetwas mit einer riesigen Wutblase drum herum…

„Ja, und dann sagst du was Falsches und hast auf einmal eine ganz andere Situation.“

Machst du da manchmal Musik drüber, wenn du so emotional bist?

„Mein Album wird so geil. Ich habe so einen krassen Song geschrieben nach einer reellen Situation… Also auf meinem Album gibt es zwei, drei Songs, da geht es um eine vergangene Beziehung und ich konnte mich damit halt abfinden, dass das alles nicht geklappt hat, weil ich so schöne Musik darüber gemacht hab. Ich habe diese Songs gemacht… Ich saß dann am nächsten Tag… Ich war einfach richtig am Ende danach und habe einen Song gemacht, der geht sechs Minuten. Den habe ich an einem Abend, in einer Nacht durchgeschrieben und am nächsten Tag war ich so: „Okay, dafür… dafür…“ Ich mach diesen Schmerz nochmal, wenn ich dann noch so einen Song machen kann. Ich habe es als Künstler dann leichter, das Positive in allen Dingen zu sehen, weil ich mich davon inspirieren lassen kann.“

Das können und machen auch nicht alle, das Positive sehen.

„Meiner Meinung nach sollte das ein Fach in der Schule sein. Überleg doch mal. Wenn Kinder groß gezogen werden, immer gut zudenken… Egal wie groß der Haufen Scheiße ist. Irgendwo da drinnen ist der kleine Samen, den du einpflanzen kannst und es wird wachsen. Manchmal dauert es ein Tag, manchmal dauert es ein Jahr, oder zehn Jahre für manche Leute, aber man muss wachsen, man muss es irgendwie hinkriegen. Also ich bin keiner der Menschen, der so etwas sofort schafft. Ich hab manche Sachen auch so ein Jahr im Kopf, bis es Klick macht und ich mir sage: „Ah, so macht viel mehr Sinn.“ Einfach gar nicht so viel Denken. Oder der Sache gar nicht so viel Wert geben.“

Das Selbstregulativ liegt halt in einem selbst. Man kann sich aussuchen: „Wie viel Energie möchte ich da reinbuttern…?“

„Dasselbe hast du mit Euphorie. Wenn ich euphorisch bin in dem Moment, weil, keine Ahnung, irgendein krasser Typ mich signen will oder ich nen überkrassen Song gemacht habe, dann kann ich gucken, wie ich das in dem Moment rauslasse. Oder verschwende, anstatt es im richtigen Moment zu kanalisieren und dann meinen Song immer wieder auf der Bühne zu feiern anstatt ihn all meinen Homies zu zeigen, bevor er überhaupt rauskommt. Euphorie Haushalt kann man auch regeln.“

Stichwort: „Positive Lebenseinstellung“. Du warst bestimmt nicht immer so, oder? Erinnerst du dich an bestimmte Schlüsselmomente, bei denen es bei dir Klick gemacht hat?

„Es gab verschiedene Sachen, aber ich glaube, das was mich am meisten beeinfluss hat, war das halbe Jahr in Amerika. Ich habe hier gehustlet, ein bisschen Geld gemacht. Ich bin mit ein paar Tausend Euro einfach nach Amerika gegangen und hatte da einen Kumpel, bei dem ich wohnen konnte. Und war auf einmal hier weg von allem. Ich hatte keine Einflüsse mehr gehabt, die ich irgendwie nicht kontrollieren konnte oder die ich nicht wollte, und habe die Möglichkeit gehabt herauszufinden, auf was genau ich Bock habe. Ich bin erst mal angekommen in San Diego.“

Selbstfindungsurlaub?

„Ich hatte das gar nicht so geplant gehabt. Mein Kumpel hat mich eingeladen und hat gesagt: „Komm doch mal“ und ich hab gesagt: „Okay ich komme für ein halbes Jahr.“ Und er so: „Ja, kein Ding.“ Wir hatten erst mal eine Woche Besuch, und die wollten Weed von San Diego nach St. Louis schicken. Und so sind wir dann rumgefahren, haben lauter Spots abgeklappert und haben nur Weedsorten getestet. Eine Woche lang saß ich nur auf dem Rücksitz und habe Blunts geraucht. Das Auto war voll mit, keine Ahnung, 65.000 Dollar, Vodka-, Moe- und Hennessy-Flaschen und ich saß halt auf der Rückbank, der kleine deutsche weiße Junge und habe da Blunts geraucht. Nach einer Woche saß ich dann da bei meinem Kumpel zuhause: „Also bin ich dafür jetzt nach Amerkia geflogen, habe ich dafür mein Geld gespart?“ Dann habe ich halt ein bisschen Geld in die Hand genommen und mir ein Studio da gekauft und habe einfach jeden Rapper, den ich irgendwie treffen konnte, rangeholt. Habe von deren Geschichten mitgelernt, von deren Einflüssen mitbekommen und, so kitschig wie es klingt, wie HipHop in Amerika lebt. Wie auf jeder Party eine Cypher ist, egal was für eine Hausparty oder Clubparty und da wird gut gerappt. Da sind mindestens zwei der Rapper da, die killen. Das ist nicht wie, wenn du in Berlin in einen Hinterhof gehst und dann freestylen da ein paar halbgare Whack-MCs, die die Augen zuhaben und über ihre Psychosen rappen. Da ist das ein Kulturding, da ist das in jedem irgendwie drinnen. Da sind die paar Millionen Fans, die alle zwei Jahre dazukommen, halt schon ein bisschen länger dabei und exponentiell mehr Leute als hier.“

In einem Young Thugh Video sind im Hintergrund tanzende Omas zu sehen.

„Ich glaube, du findest in Deutschland vielleicht 20 Omas, die Hip-Hop hören. In Amerika sind doch mittlerweile Omas mit Hip-Hop aufgewachsen. Das ist ja auch voll in Ordnung. Hier hat jahrelang ein Kind versucht, in Jordans Schuhgröße 45 zu laufen und ist halt immer wieder auf die Fresse gefallen. Wir sehen es ja jetzt auch noch. Es gibt doch immer noch irgendwelche Clowns, die gepusht werden von irgendwelchen Plattformen, die eigentlich gar nicht aus der Hip-Hop Industrie kommen. Die schlechte unästhetische Musik verbreiten, die falsche Images, falsche Werte verbreiten und trotzdem gepusht werden. Das hat angefangen mit Fanta Vier gegen Konkret Finn. Da mussten sich Moses P. und Tone und die Leute damals mit „Ich diss dich“ durchdissen, um gegen so ein Pop Hip-Hop Scheiß wie Fanta Vier durchzukommen. Da haben wir eine ähnliche Situation mit den Leuten, die eben die neue Welle mitfahren, aber irgendwie Clown Rap machen und sich zum Affen machen. Halt so nur: „Turn up, turn up, Swag.““

Davon grenzt du dich wahrscheinlich auch ganz klar ab?

„Ich hab damit nichts zu tun. Weder musikalisch, noch persönlich.“

Hattest du vor Amerika dein Team hier schon so, wie es jetzt besteht?

„Die meisten Leute kannte ich schon vorher, aber das war nicht so ein festes stabiles Team. Mein Fotograf Rob Vegas zum Beispiel, der ist erst Anfang 2014 dazugekommen. Dung, unser anderer Video und Foto Guy ist kurz nach Amerika dazugekommen. Die Cosmos sind erst danach dazugekommen. Das Meiste hat sich danach gebildet. Ich habe drüben die Vision entwickelt, die hatte Morten schon vor zehn Jahren oder so angefangen gehabt. Ich habe sie in Amerika dann für mich gefunden, bin wiedergekommen und jetzt setzen Morten und ich das alles um. Er mehr auf dem musikalischen Weg, ich mehr auf dem Business Weg.“

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Was bedeutet für dich das Team, die Gang? Das wirkt für uns als Außenstehende, wie die Brutstätte der Kreativität.

„Ich könnte nichts von all dem, was ich gerade mache, ohne die machen.“

Nicht mal Texte schreiben?

„Texte schreiben schon, aber ich wüsste dann momentan nicht worüber. Das ganze Team, all diese Leute motivieren mich so krass. Wenn ich sehe, wie unsere Tour-Managerin die komplette Tour alleine gebookt hat, alles von vorne bis hinten alleine gemanaget. Wenn ich sehe, wie Dung im Tourbus sitzt und Maulis Instagram Videos fertig schneidet. Wenn ich sehe, wie Rob Bilder bearbeitet. Also jeder ist konstant am Hustlen. Morten ist jeden Tag im Studio, wenn er nicht unterwegs ist, oder in einer anderen Stadt. Dann ist der jeden Tag am Produzieren, am Schreiben, am Singen, am Rappen, macht Songs mit all unseren Jungs und konstant entsteht einfach krasse Musik. Und wenn sich jetzt noch jemand darum kümmert, dass das alles in geregelte Kanäle läuft, dann kann nix mehr schief gehen. Dann sind wir „Immer Ready“ für immer!“


JUICE
Kiffer Remix Sammlung


Bist du dann jetzt in einem Zwiespalt? Wo du der bist, der die Zügel an sich reißt, um das ganze Team weiter in die Zukunft katapuliert und dafür muss dann der Künstler ein bisschen zurücksteppen?

„Ja. Das ist ja das, was ich seit einem Jahr mache. Ich habe ja seit meinem letzten Mixtape nur einen Song rausgebracht. Aber das habe ich halt bewusst gemacht. Ich habe die ganzen „Kiffer“ Remixe gemacht und sone Sachen, damit halt trotzdem Output passiert. Dass dann jetzt 16BARS auf mich zukam, war auch Jackpot einfach. Dass ich trotzdem weiter Output hab, ohne dass ich geregelt Musik rausbringe. Ich habe eine EP und ein Album, aber ich will den Markt jetzt auch nicht überfluten mit meinem Shit. Wenn ich aber die beiden Sachen gemacht habe, glaube ich, bin ich so weit in den Strukturen, dass ich das Lenkrad nicht mehr festhalten muss, weil alle dann so arbeiten, dass es funktioniert. Erst wird es funktionieren, weil wir die Zügel in der Hand haben, und dann wird es funktionieren, weil die richtigen Leute die Zügel in der Hand haben. Aber ich tu mich sehr schwer, pflichtbewusste Aufgaben anderen Leuten anzuvertrauen. Meinem Team, allen Leuten, die mit mir im Tourbus sitzen, den vertraue ich zu 100 Prozent. Aber wenn es halt darum geht, mit einer neuen Firma zusammenzuarbeiten, sei es ein Vertrieb, sei es ein Verlag, sei es ein Label… Erst mal ist da eine gewisse Grundskepsis und zweitens ist da ein: „Beweis dich halt erst mal.““

Wie alt bist du?

„24. Ich werde 25 in drei Tagen oder so, aber ich bin immer noch kein Millionär.

Kannst du uns über ein paar Negativseiten des Kiffens berichten?

„Heißen Rauch zu inhalieren, ist definitiv schädlich. Deswegen lieber eigentlich Muffins oder Vaporizer oder sowas… Aber ich mag halt das Gesellschaftliche am Kiffen. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, weil ich mit denen Joint geraucht hab und ich mag auch nicht Bong rauchen und Junky-Kiffen, so alleine die Birne richtig zuballern. Ich bin so ein Gesellschaftskiffer oder wenn ich Musik mache halt. Aber sonst… Na klar, ich kenne auch Personen, die Psychosen haben, aber wenn du keine Leute um dich rum hast, die dich davon abhalten, weil du es selber nicht schaffst, dann wird dir das höchstwahrscheinlich auch anders passieren. Ob die Psychose ausgelöst wird durch psychosomatische Drogen, ob durch Weed, ob durch ein Autounfall, ob durch den Tot eines Freundes…“

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Aber du kannst uns doch nicht erzählen, dass das noch nie einen Negativeffekt auf dich gehabt hat.

„Ich habe einmal in meinem Leben ein komisches Erlebnis gehabt. Zu der Zeit war ich auch echt… Ich will nicht sagen depressiv, aber ich war richtig abgefuckt. Da war ich so 18 oder 19, habe meine Freundin betrogen gehabt, habe das erst ein paar Monate später gerafft, was ich da eigentlich gemacht hab. War dann noch mit so paar Leuten unterwegs, denen ich nicht so wirklich vertraut habe, und war da in komischen Kreisen, so dass ich mich mit mir selber und mit meiner Position nicht mehr wohl gefühlt habe. Und dann habe ich halt auch sechs Monate aufgehört zu kiffen. Und wenn ich jemals wieder an so einen Punkt komme, dann werde ich auch sofort wieder aufhören. Obs für eine Woche ist, drei Monate oder für immer.“

Also wenn du kiffst, hast du im wahrsten Sinne des Wortes immer High-Time?

„Ich kiff jeden Tag. Keine Ahnung. Ich kenn nichts anderes mehr. Auf Tour ist das das Erste, was ich mache nach dem Aufstehen. Gehört dazu. Kalifornien hat mir eine Klatsche gegeben.“

Hast du dort auch das Pur-Rauchen angefangen?

„Ja, aber ich hab davor auch schon mit wenig Tabak geraucht.“

Willst du noch irgendwas loswerden?

„Bleibt alle ehrlich und gesund. Coca Cola ist kein Lebensmittel. Ich habe nämlich letztens auf meinem Snapchat eine Cola weggeschüttet und dann hat mir einer geschrieben: „Boah, wie kannst du so was machen mit Lebensmitteln?“ Da musste ich dem erst mal erzählen, dass Coca Cola gar kein Lebensmittel ist.“


MARVIN GAME
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Kennst du den Film „Idiocracy„?

„Idiocracy ist auch ein Film, den man in der Schule zeigen sollte. So wie’s gerade läuft, halte ich es für gar nicht so unrealistisch, dass es in 400-500 Jahren so aussieht. Klar ist es überspitzt, aber guck’s dir doch einfach an. Unser Wasser ist vergiftet, unser Trinkwasser ist vergiftet…“

Aber, das die Dummen regieren?

„Aber das läuft doch Hand in Hand. Wenn du nur Scheiße isst, dann wirst du dumm, das garantiere ich dir – und 90 Prozent dieser Welt ernähren sich scheiße, mindestens. Und davon wahrscheinlich nur 60 Prozent gewollt, die anderen, weil sie es nicht anders können. Aber die Leute, die es in die Hand genommen haben, wie wir hier leben, die die Entscheidungen treffen, das sind auf jeden Fall die falschen Leute in diesen Positionen. Ich habe das Gefühl, dass die Grundintention von Geld und Politik und Regierung ursprünglich mal ne richtig gute war, aber dann die verzogenen Enkelkinder von denen, die das gegründet haben, das irgendwann übernommen haben und dass dann jetzt einfach richtig geldgeile Wichser an der Macht sind. Nichts in der Politik oder im Fernsehn passiert ohne wirtschaftiche Interessen. Und wenn man das verstanden hat, dann weiß man vielleicht auch, mit was für einem Auge man das Fernsehn oder die Medien betrachtet. Ich gucke gar kein Fernsehn.“

Vielen Dank für das Gespräch!

„Danke euch!“


Interview: Mathi & Yoscha
Bilder: Dung – danke dafür!

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