INTERVIEW, MUSIK

Ein Maulwurf besteigt den Olymp – Mauli Interview

Mauli-Interview-Titelbild

Kennt ihr diesen Moment, wenn euch ein Song von Haar- bis Fußspitze durchdringt, ihr aber nicht beschreiben könnt woran das liegt? Wir haben uns mit Mauli vor seinem Konzert in Frankfurt zum Interview getroffen, um herauszufinden, ob er wirklich so ein Spielverderber ist, und analysiert, was seine Musik einzigartig macht. Eine Liste mit 20 Do’s-and-Don’ts gibt’s vom Teacher oben drauf. Viel Spaß!


 

1. Abgrenzung: Spielverderber als Selbstzweck

Spielverderber: „Jmd., der bei einer Sache nicht mitmacht und anderen dadurch den Spaß verdirbt“ (PONS Großwörterbuch 2015)

Laut aufgeführter Definition geht es einem Spielverderber darum, den anderen den Spaß zu verderben. Wir wollen herausfinden, ob es Mauli wirklich darum geht: Sein Debütalbum „Spielverderber“ zeichnet sich durch einen starken Abgrenzungsgedanken aus, der sich stringent durch jeden Track zieht. Es gibt generelle Abgrenzung, wie z.B. in „Meine Jungs“, wo Mauli erklärt: „Ich häng mit wem ich will, aber leider nicht mit dir“. Außerdem gibt es fähigkeitsbezogene Abgrenzung, wie z.B. in „Shoutouts“: „Dreißig Flows in einem Track, aber keiner versteht dich“ oder in „Iaam“: „Rapper stehen in der Booth bis die Zeile sitzt; ich hab‘ keine Zeit für dis; ich freestyle und die Hälfte davon reimt sich nicht […]“, szenebezogene Abgrenzung, wie z.B. in „Villa Kunterbunt“: „Deutsche Rapper sind nur Opfer, die sich Kummer von der Seele schreiben“ und konkret personenbezogene Abgrenzung, wie z.B. ebenfalls in „Villa Kunterbunt“: „Und immer wenn ich denke, dass es wacker nicht geht; holt mich Olli Banjo wieder in die Realität; meine Plattensammlung wächst, mein Menschenhass steigt; Humor ist, wenn man trotzdem lacht und eRRdeKa signt.“

Speziell die personenbezogene Abgrenzung, bei der andere Künstler namentlich erwähnt werden, führt zu Reaktionen der Adressaten. Im Interview bestätigt Mauli sein Bedürfnis nach Abgrenzung und erklärt zu den Reaktionen: „Man kann’s ja mit Humor sehen. [….] Sich über die Deutschrapszene lustig zu machen ist das Hauptmotiv [des Albums]. Es zieht sich ja durch alle Tracks durch. Es ist nicht so, dass ich jetzt einen Track gegen die Szene hab und so, sondern es zieht sich ja durch das ganze Projekt.“.

Durch seine Abgrenzungsbestrebungen erzeugt Mauli Reibung, die Adressaten liefern ihm den Zunder. Dabei handelt es sich zwar um keine neue Erfindung im Rap, was jedoch daran besonders ist, ist seine Art, die daraus entstehende Energie zu kanalisieren: Verbal fällt kein einziges handfestes Schimpfwort (z.B. „Hurensohn“) und sein Kontingent an unschönen Wörtern beschränkt sich auf „behindert“, „schwul“, „ficken“ usw. Trotz dieses Verzichts sticht der verbale Stachel immer wieder in die empfindlichen Stellen derjenigen, von denen er sich abgrenzen möchte.

Warum er ein ganzes Album über die Szene gemacht hat, zu der er selbst gehört, aber irgendwie auch nicht gehören möchte? Hineingetrieben in das Bedürfnis nach Abgrenzung hat ihn die Aufgabe, ein meisterhaftes Debütalbum zu kreieren und die gleichzeitig stattfindende Beschäftigung mit anderen Album-Releases: „Ich wusste so Debütalbum, das ist eine ernste Sache und […] es wollten so ein paar Leute wissen, wie das Album klingen wird. Und in der Zeit, wo ich mein Album gemacht hab, war ich mir von Anfang an bewusst: ‚Okay, die Tracks, die ich jetzt mache, sind fürs Album und die müssen krass werden!’ Und wenn man sich Deutschrapinterviews anguckt und alle reden über ihr Album in den höchsten Tönen so: ‚Ja, diesmal hab ich alle gefickt! So was gab‘s noch nie!’ und dann hörst du das Album und es ist einfach straight up LÜGE! Alles gab‘s schon mal, alles! Jeder Beat ist eine Kopie von irgendeinem A$AP Rocky-Type Beat, FL Studio 10…, so!“. Abgrenzung also. Und dazu ein starker Wille, eine starke Motivation, es genau nicht so zu machen wie alle anderen.

Mauli-Interview-RUNFFM-5[1]

2. Analyse: Seine Jungs hätten meine Jungs sein können

Textstellen und Aussagen des Künstlers geben konkrete Beispiele dafür, wie Mauli sich abgrenzen möchte. Doch die Botschaft alleine im gesprochenen Wort zu suchen, vernachlässigt die anderen Kanäle des Mediums Rap-Musik. Neben der Sprache sind auch der Beat und die Passung von Beats und Lyrics maßgeblich. Auch für Mauli selbst ist die Gewichtung dieser Anteile ein wichtiges Thema und er legt viel Wert darauf, dass Beat, Stimmodellation und Texte miteinander harmonieren: „Es ist auch gar nicht so, dass wir irgendwie Beats machen und dann darauf schreiben oder so. Sondern ich geh zum Beispiel hoch ins Studio, dann mach ich den Beat. Dann mach ich die Hook. Dann mach ich am Beat weiter. Dann mach ich vielleicht einen Part oder sonst was oder `ne Bridge oder mir fällt noch was anderes zu dem Beat ein und so weiter. Da wird die ganze Zeit rumgeschraubt. Meistens hat die erste Skizze mit dem fertigen Track überhaupt nichts mehr zu tun.“

Was dabei herauskommt, wenn Musik auf diese Art produziert wird, möchte ich mir gerne genauer ansehen und picke mir dafür beispielhaft „Meine Jungs“ (davon gibt’s das Instrumental auf Spotify; ich beachte nur Mauli-Parts).

1) Beat und Lyrics hören:

Der Beat ist langsam, entschleunigend. Ein Hund bellt. Steigerungen und unvorhergesehene Drops durchbrechen immer wieder die Atmosphäre und sorgen kurzzeitig für eine rhythmische Ordnung, auf die bald wieder verzichtet werden muss. Immer wieder entstehen Pausen, in denen ein eindimensionaler, dunkler Ton von leisen, metallischen Geräuschen begleitet wird. Der Beat ist vielseitig, weder gleichgängig noch ist die Kongruenz der einzelnen Parts sofort ersichtlich.

Die Stimme gliedert sich in den Kontext ein. Sie ist tief und jugendlich. Das Sprechtempo ist langsamer als normal, gut verständlich werden die Worte artikuliert. Es entstehen immer wieder Pausen. Betonungen sind selten und meistens durch lang gezogene Wörter ausgedrückt.

2) Beat und Lyrics deuten:

Ich habe von Anfang an das Gefühl, mich auf etwas Unerwartetes einstellen zu müssen. Der langsame Beat, das Bellen, die metallischen Geräusche erzeugen eine dunkle, unheilversprechende Atmosphäre. Es ist, als würde sich jemand oder etwas von hinten anschleichen und ich müsste mich wappnen. Das isolierte Gebell lässt das Bild einer Nachbarschaft bei Nacht entstehen. Der metallische Sound erinnert mich an das Klirren von Ketten, das wiederum eine Ahnung von Gewalt aufkommen lässt.

Die Jungs sind auf Konfrontationskurs („Ich bin mit meinen Jungs, mit meinen Jungs und wir ficken Deine Jungs, aber das ist auch keine Kunst ya, wir brauchen keinen Grund, denn ich bin mit meinen Jungs“) und nachts unterwegs („Die Sonne geht unter und wir gehen raus“). Verschiedene Personen werden von ihnen herausgefordert, provoziert. Trotzdem verleitet die Geschichte dazu, sich auch auf ein Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit einzulassen. Die Kombination aus Beat und Lyrics bringt mich dazu anzunehmen, ich wäre selbst unterwegs, als Teil einer Gruppe. Um uns sind leere Gassen, das gelbe Licht der Straßenlaternen, etwas Nebel. Insgesamt befinde ich mich in einer unvorhersehbaren, mystischen Umgebung, in der einfach alles überraschend passieren könnte.


MAULI
Facebook – Twitter – Instagram – YouTubeSoundCloud – auf RUN FFM


3) Track subjektiv bewerten:

Nichts hat mich daran gehindert, mich in die Komposition hineinfallen zu lassen. So hat der Track in mir ein Gefühl heraufbeschworen. Es ist ein gutes Gefühl und ein seltenes. Ich setze es mit eigenen Erfahrungen in Zusammenhang und erinnere mich an Situationen, in denen ich mit meinen Freunden die Nacht für mich entdeckt habe, draußen war, verbotene Sachen gemacht habe. Kennt wahrscheinlich jeder, aber es gefällt mir, dass es eine externe Quelle geschafft hat, mich in diese Stimmung zu versetzen.

4) Track objektiv bewerten:

Im Interview sagt Mauli etwas Spannendes bezüglich der künstlerischen Absichten für sein nächstes Album: „Die Texte werden immer unwichtiger und die Harmonie wird immer wichtiger. Ich will schon einen Text abliefern, wenn ich einen Text schreibe, aber es geht mir viel mehr ums Musikalische beim nächsten Album, um die Melodien. Und vor allem um die Hooks, weil kein deutscher Rapper kann Hooks irgendwie. Ganz, ganz belastend und ganz, ganz furchtbar, weil man hört die ja so viel öfter, wenn die eine gute Hook haben.“

Harmonie wird wichtiger als der Text… In der Kunst wurde in der romantischen Epoche die Farbe wichtiger als die Akkuratheit der Formmodellierung. Auch ohne diesen Hinweis auf eine bevorstehende Entwicklung (entwickle dich, deutscher Rap!), kann der Track holistisch (Beat, Sprache) als Beitrag zum künstlerischen Gedankengut und somit zum Vielseitigkeit der Szene gewertet werden. Auf diesem Zweig entwickelt sich ein neuer Stil.

Mauli-Interview-RUNFFM-9[1]

3. 20 Do’s-and-Don’ts: „Ich will nur zeigen, wie es geht“

„Meine Jungs“ ist ein Track, der auf allen Ebenen einwandfrei funktioniert. Es kommt mir wie ein kleines Kunststück vor. Dazu passt besonders gut, dass Mauli auch noch zeigen will, wie es geht (vgl. „MAULI pt.2“)! Also, was willst du teachen, Mauli? Hier eine Liste, in der ich seine Antworten zusammengefasst habe:

Ästhetik in den Texten:

  1. verwende keine unschönen Wörter (z. B. nicht „furzen“ oder „kacken“)
  2. suche coole Synonyme (für jedes Wort gibt es eine Menge davon!)
  3. achte darauf, dass du die Wörter aussprechen kannst (z. B. wenn du lispelst)

Auf fertige Beats verzichten:

  1. Gib den Beats viel Liebe!
  2. Gib der Entwicklung der Beats viel Zeit!
  3. Lass dir von fertigen Beats nicht deinen Part-Hook-Part-Hook-Rhythmus diktieren
  4. Bezahle nie für einen fertigen Beat
  5. Such dir jemanden, der deinen Sound versteht und das so umsetzen kann, wie Du es Dir vorstellst

Die Musik fühlen:

  1. Verzichte auf verkopfte Texte
  2. Verzichte auf ein durchkalkuliertes Versmaß
  3. Kümmer dich besonders um die Hooks!

In der Kürze liegt die Würze:

  1. Komm bei deinen Texten auf den Punkt
  2. Ein kurzer Track ist viel besser, als einer, der in die Länge gezogen wurde
  3. Dasselbe gilt auch fürs Albumformat

Sich selbst beim Musik machen entertainen:

  1. z. B. indem du Highlights einbaust
  2. seine eigene Musik überragend gut finden!

Realistisch bleiben:

  1. Hast du „zwei Jahre oder drei, vier Jahre, oder fünf, sechs Jahre“ keinen Erfolg, dann gesteh dir ein, dass es „nicht so die lebenserfüllende Aufgabe ist, Musik zu machen.“
  2. Auch ein verdammt gutes Album geht nicht über Nacht durch die Decke
  3. Manchmal bekommt ein Album nicht den Erfolg, den es verdient hat
  4. Zerpflück nicht deine Texte in Einzelteile, damit sie besser ankommen oder mehr Likes erhalten, bringt nix

Mit dieser Anleitung kann jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen, und wer keine Attacken vom Maulwurf fürchten will, hält sich einfach an die Vorgaben. Aber Spaß beiseite: Das Ergebnis von Maulis Herangehensweise ans Musikmachen spricht für sich und zeigt, dass das Umsetzen eigener musikalischer Ansprüche überzeugende Ergebnisse bringen kann. Es war eine schöne Erfahrung, sich so ausführlich mit deiner Musik auseinanderzusetzen, Mauli. Danke für die schöne Unterhaltung! Die vollständige Zahnfühlung des Maulwurfs findet ihr im fortfolgenden:


Was kann man bei deinem nächsten Projekt erwarten, wenn man das VBT als Vorschule ansieht, „Spielverderber“ als die Reifephase und jetzt… Was kommt als nächstes?

Die Texte werden immer unwichtiger und die Harmonie wird immer wichtiger. Ich will schon einen Text abliefern, wenn ich einen Text schreibe, aber es geht mir viel mehr ums Musikalische beim nächsten Album, um die Melodien und so weiter. Und vor allem um die Hooks, weil kein deutscher Rapper kann Hooks irgendwie. Ganz, ganz belastend und ganz, ganz furchtbar, weil man hört die ja so viel öfter, wenn die eine gute Hook haben.

Was ist Dein Selbstanspruch an die Musik?

Na, dass ich die selber hören kann und sie feier. Also zum Beispiel das Album jetzt habe ich mit denselben Kopfhörern aufgenommen, mit denen ich immer Musik höre. Das sind so In-Ear-Kopfhörer. Dann weiß ich genau, wie die Songs auf meinem Handy klingen. Ich selber kann mich ja nicht anlügen. Ich weiß ja, was ein guter Track ist und was ein schlechter Track ist. Wenn ich seh, das geht nicht in die richtige Richtung oder der Track löst nichts in mir aus, dann mach ich den eigentlich nicht weiter.

Wie gehst du vor, wenn du einen Track machst?

Es ist meistens so: Ich hab irgendeine Aussage, die ich treffen will. Dann guck ich, dass ich die in so wenig Silben wie möglich verpacke. Und es kommt natürlich drauf an, wie der Beat ist. Der Beat mach von vornherein aus, wie ich den Text höre, ob das eher melancholisch wird oder eher aggressiv oder gewalttätig, oder wie auch immer man das nennt, wenn so dreißig Kicks hintereinander kommen und alles drunter und drüber geht. Also auf nen schlechten Beat macht‘s keinen Sinn einen Song zu machen, weil es muss schon alles stimmen und schlüssig sein. Ich hab auch kein Problem damit jetzt auf einen traurigen Beat was zu machen. Trauriger zu singen, obwohl die Aussage voll trocken ist. Das spielt eigentlich keine Rolle, ich finde das ist sogar special. Die Texte sind eh total von Sarkasmus zerfressen.

Würdest du sagen, du machst dir viele Gedanken, wenn du an einem Track arbeitest?

Wär cool, wenn ich das sagen könnte, aber ich glaub, ich bin einfach voll faul. Produzieren mach ich voll gerne, nur die Texte immer so: „Oaaaah…“ Dann braucht man immer so viele Wörter drin. Aber so kleine Besonderheiten oder Highlights einzubauen. Also wenn ein Track so vier, fünf Stellen hat, wo ich weiß: „Okay, ich freu mich auf die Stelle, wenn die kommt“, dann höre ich den immer wieder und immer wieder.

Legst du viel Wert darauf, dass eine Symbiose aus Beat, Stimmodellationen und Texten entsteht?

Ja klar, ja klar! Es ist auch gar nicht so, dass wir irgendwie Beats machen und dann darauf schreiben oder so. Ich geh zum Beispiel hoch ins Studio, dann mach ich den Beat. Dann mach ich die Hook. Dann mach ich am Beat weiter. Dann mach ich vielleicht einen Part oder sonst was oder ne Bridge oder mir fällt noch was anderes zu dem Beat ein und so weiter. Da wird die ganze Zeit rumgeschraubt. Die Projekte sind halt immer so die hundertste Version von dem Projekt, weil wir immer eine neue Version speichern. Also da werden so viele Änderungen gemacht, dass die erste Skizze meistens mit dem fertigen Track überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Was bedeutet „Alles gut“?

Das ist die Antwort auf „Sorry“. „Sorry“ war das Intro von der EP, die davor kam, und „Alles gut“ ist das Intro vom Album. Die haben auch beide das gleiche Vocal-Sample drin und das ist alles so ein bisschen Part 2 davon. Weil ich mich geärgert hab, dass dauernd irgendwelche Rapper Part 2, „Ghetto Part 2“ rausgebracht haben und das Sample ganz anders ist und es klingt komplett nicht nach dem gleichen Dude, weißt du? Was „alles gut“ bedeutet, ist, dass mich nichts so richtig interessiert. Also, weißt du, Leute nerv ich, aber ich mein, das ist okay. Meine Güte. Es wäre zu viel, um sich drüber aufzuregen oder um mir jetzt einen Kopf deswegen zu machen.

Aber wenn dich die ganze Deutschrapszene nicht interessiert und du auf der anderen Seite ein ganzes Album über die Deutschrapszene machst… Wie kann man das dann verstehen?

Also guck mal, sich über die Deutschrapszene lustig zu machen ist das Hauptmotiv. Also es zieht sich ja durch alle Tracks durch. Es ist nicht so, dass ich jetzt einen Track gegen die Szene hab und so, sondern es zieht sich ja durch das ganze Projekt, dass es immer mal wieder so Lines gegen den oder jenen kommen, aber nichts wirklich Hartes dabei ist oder so. Ist ja alles relativ. Man kann‘s ja mit Humor sehen, wenn man Humor hätte.

Wie kamst du überhaupt dazu, ein ganzes Album über die Szene zu machen?

Ich glaub, was mich auch bisschen so reingetrieben hat, ist, dass ich wusste so ein Debütalbum, das ist eine ernste Sache und es gucken auch grade so ein paar Leute hin. Das bedeutet nicht, dass der Megahype da war, aber es wollten so ein paar Leute wissen, wie das Album klingen wird. Und in der Zeit, wo ich mein Album gemacht hab, war ich mir von Anfang an bewusst: „Okay, die Tracks, die ich jetzt mache, sind fürs Album und die müssen krass werden!“ Wenn man sich dann Deutschrapinterviews anguckt und alle reden über ihr Album in den höchsten Tönen so: „Ja, diesmal hab ich alle gefickt! So was gab‘s noch nie!“ und dann hörst du das Album und es ist einfach straight up LÜGE! Alles gab‘s schon mal, alles! Jeder Beat ist eine Kopie von irgendeinem A$AP Rocky Type Beat, FL Studio 10…, so!

Beim Anhören von „Alles Gut“ kann man Rückschlüsse ziehen, was du für ein Mensch bist. Hier sind ein paar Stichpunkte: „Materialistisch, kindlich, gehässig, frech, ignorant, zynisch, mit Wahrheitsanspruch, intelligente Provokation, Salz in die Wunde streuen, das Game als Feindbild, Mobbing, würde Mauli existieren, dann wäre er ein sehr schwieriger Mensch, dreist, unzusammenhängend, flapsig, wirft Fragen auf, unbefriedigend, lässt einen im Regen stehen.“ Findest du dich darin wieder?

Geil! Ja, lässt einen im Regen stehen, okay, ja, auch! Also kommt drauf an wen, aber doch, ja, gerne. Materialistisch, ja, okay, ich weiß, was du meinst: „Meine Schuhe sind teuer…“ Ich fand einfach nur „Zigeuner“ so ein lustiges Wort, deswegen hab ich das gesagt. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich materialistisch bin, aber den Rest würde ich voll unterschreiben auf jeden Fall. Kindlich auch, ganz groß geschrieben auf jeden Fall, ja… Gehässig… ja doch, kommt gut hin.

Und auf einer Skala von 0 bis 100, wie viel Prozent bist du Mauli?

Also ich bin ein bisschen harmoniebedürftiger als jetzt in meinen Texten, das ist klar. Gibt schon viele Überschneidungen mit der Musik. Ich würde sagen schon so 80%. Also ich rede halt so in der Musik, wie ich es sonst tu. Ich such jetzt nicht so offen Beef im öffentlichen Leben, aber irgendwie schon auch. Wenn ich jetzt irgendwo an öffentlich Plätzen bin und ich krieg so dumme Gespräche mit, dann sag ich im Vorbeigehen schon mal was, so: „Ja auf jeden Fall…, geh weg…“ Das ist in mir drin jedenfalls. Auch wenn es in der Musik voll praktisch ist als Stilmittel, ist es auf jeden Fall nicht so leicht abzustellen, wie man sich das denkt.

Würdest du sagen, du bist ein selbstreflektierter Mensch?

Ich geb‘ mir Mühe, ja. Ich weiß auch schon, wann ich Sachen falsch mache oder so, aber ich mache einfach gerne Sachen falsch und dann tut es mir leid, aaaaber… warte. Wo hat die Frage angefangen?

Trinkst du alkoholische Getränke?

Nee, Alkohol trink ich seit zwei Jahren nicht mehr. Als ich Alkohol getrunken habe, habe ich auch darüber gerappt, dass ich Alkohol trinke. Weil ich so einen Song habe, dass ich einen eigenen Cocktail habe, dann hab ich den noch eingebaut auf dem Album so in ein, zwei Tracks. Das ist einfach für so ein paar alte Leute. So ein paar Parallelen.

Über was kannst du Dich so richtig aufregen?

Guck mal, das Ding ist: Wenn Leute auf der gleichen Wellenlänge sind, dann versteh ich mich super mit denen. Ich werd’ nur ganz schnell ungeduldig mit so dummen Leuten, die einfach den Schuss nicht hören. Wenn ich irgendwas nicht ernst meine und die verstehen das nicht, oder deren Weltbild ist einfach so richtig naiv, Fernsehen geprägt. Auf so was komme ich überhaupt nicht klar. Wenn Leute sich was erzählen, dann muss das doch in Ordnung sein, das zu hinterfragen. Ich will die Sachen in einem logischen Kontext betrachten und sie nicht einfach so Sachen hinnehmen: „Ja, das ist so, weil das hat der gesagt.“. Bei so was werde ich irgendwie giftig.

Würdest du dich selbst sympathisch finden?

Ich weiß nicht. Ich glaub schon. Also, wie gesagt, mit Leuten, die das verstehen, gibt‘s so gut wie nie Streit. Also mit den Leuten, mit denen ich nicht wirklich zurechtkomme, kommt es vor, dass wir uns paar pampige Antworten hin und her hauen, aber ich glaub, da sind wir alle abgeklärt genug, als dass wir da wegen einem Spruch oder so rumheulen. Siehst du ja, wenn ich jetzt das ganze Album gegen Freunde von Niemand schieße und dann sag: „Ja ey, hab dich ma nicht so!“ Wenn mir jetzt jemand einen Spruch zurück drückt, kann ich ja nicht sagen: „Ey, ist voll fies, was soll das denn?“ Dafür interessiert es mich auch zu wenig. Es lohnt sich gar nicht! Es ist Zeitverschwendung, wenn man sich darüber aufregt! Straight up!

Zu viel Energie, die man da reinbuttert?

Ja, die kannst du alles in dich stecken, weiß du…

Was meinst du, was wären so die Werte, die es zu vermitteln gibt, dass Deutschrap wieder aus dem Tief emporgehoben werden kann? Oder anders formuliert: Was teacht uns der Teacher Mauli?

Also ich teache, dass es falsch ist, irgendwelche Produzenten zu bezahlen, damit sie dir für 30€ einen Beat schicken. Geh hin und mach es selbst, oder such dir jemanden, der deinen Sound versteht und der das so umsetzen kann, wie du es gerne hättest. Also bei den Beats fängt es bei mir an. Wie lieblos in Deutschland mit den Beats umgegangen wird, das ist total traurig!

Also viel zu wenig Liebe?

Ja, das und gute Produzenten. Die kann man an einer Hand abzählen oder nicht? Ich weiß, ich hab gut reden. Aber auch wenn‘s dann ein anderer Sound ist: Nimm dir Zeit dafür! Weil man hört doch, wenn ein Beat schon fertig ist und du kriegst den und machst dann da irgendwas drauf! Machst dann Part-Hook-Part-Hook, das ist doch scheiße. Das ist doch voll langweilig! Und ich teache noch, dass man sich selbst entertainen soll, wenn man Musik macht. Zum Beispiel, indem man ein paar Highlights einbaut, wenn man den Song macht.

Was noch?

Hmm.. ist halt jetzt leicht zu sagen, wenn man jetzt nie so richtig strugglen musste, so mit Hungern und irgendwelchem Schwarzfahren auf irgendwelche Jams oder so. Keine Ahnung, was da der Worst-Case ist, aber wenn man irgendwie zwei, drei, vier Jahre, oder fünf, sechs Jahre keinen Erfolg hatte, mit dem, was man tut, dann merkt man das doch irgendwann, oder nicht? Also dass es jetzt nicht so die lebenserfüllende Aufgabe ist, Musik zu machen. Und was ich noch teachen kann, ist, dass man Musik nicht so verkopft machen sollte. Weil ich finde, man hört es raus, wenn es die zehnte Aufnahme ist, die du hintereinander machst. Uuuund Geduld! Wenn man sich überlegt, das letzte Album lief nicht so geil und man überlegt, woran lag’s… Ja nirgendwo ran! Du musst ja irgendwo anfangen! Woran soll‘s liegen, dass du jetzt nicht durch die Decke gegangen bist über Nacht? Weil so was gibt‘s nicht. Du gehst nicht einfach über Nacht durch die Decke. Wenn es passiert, dann ist es konstruiert. Es gibt keinen Hype mit: „Oh, alle teilen dein Video auf einmal so über Nacht!“ Das gibt‘s nicht. Das ist immer vorausberechnet und voll viele Leute lassen sich von ihrem besten Album abfucken, weil es nicht den Erfolg hatte, den es verdient hätte und dann überlegen sie sich woran’s lag. Und dann fangen sie an, ihre Musik zu zerpflücken in Einzelteile: „Okay, so was sag ich immer, vielleicht sollte ich das mehr machen, weil das ist gut angekommen oder hat mehr Likes,“ und wenn es so anfängt, dann ist Hopfen und Malz verloren.

Was ist mit Ästhetik?

Ästhetik, sehr gut! Ich find zum Beispiel Leute schlimm, die so unschöne Wörter verwenden in Texten so wie: „Ich furz dir… und ich kacke ins Gesicht.“ So was will man doch nicht auf der Bühne rappen, oder? Es gibt doch für jedes Wort 10.000 Synonyme. Dann such dir doch eins, was cool ist und was sich einigermaßen schön anhört und was du aussprechen kannst im Idealfall. Und wenn du irgendwelche S-Fehler hast, dann sag weniger Wörter mit S-Betonungen.

Dein Album ist schon sehr sprachgewandt. Sprachliche Finessen sind da drin. Hier ein Beispiel: „Willst du in die Juice, fragen sie mich“ und dann erwartet man die Antwort „ja!“ aber sagst dann: „ohne Cover geht nichts“. Diese Brechung machst du irgendwie die ganze Zeit. Du stellst rhetorische Fragen und dann twistet du es für den Zuhörer. War Deutsch dein Lieblingsfach in der Schule oder hast du zu viele Kinderbücher gelesen? Woher das Spachgespür?

Ich hatte nie Schwierigkeiten in Deutsch, aber Lieblingsfach überhaupt nicht. Aber ich hatte keine Schwierigkeiten mit der Sprache so. Ich finde sogar ehrlich gesagt, dass ich da noch am meisten Potenzial habe, meine Formulierungen on point zu kriegen. Oder vielleicht liegt es daran, dass das Album abgeschlossen ist und ich jetzt wieder neue Sachen überlege. Ich finde jedenfalls, beim neuen Album müssen die Formulierungen noch mehr on point sein und weniger stumpf!

Wie kommen die dann Formulierungen zustande? Du hast ja vorhin schon gesagt, es geht darum, Dinge auf den Punkt zu bringen. Vielleicht ist es das?

Ja, ich denk mich oft in Leute rein. Wenn ich zum Beispiel Interviews sehe oder Songs höre von anderen Leuten, merk ich, wie die denken und wie ihr Weltbild ist. Manchmal fällt man einfach von Glauben ab. Dann will man die einfach wachrütteln mit Texten! Das war auch relativ früh schon so. Zum Beispiel in der Schule bei Sachen, die falsch gemacht wurden, wo ich einfach so ein Bedürfnis hatte, das richtig zu stellen. Oder dem das zu sagen: „Ey, das ist doch völlig falsch, was machst du!?“ Und das halt auf Musik zu übertragen, ist ein Job, der nie aufhört. Weil in Deutschland alle Rapper versagen, oder fast alle. Auf jeden Fall erstaunlich viele!

Wie kam die Zusammenarbeit mit Marvin und Morten zustande?

Ich hab gegoogelt nach Gangs… Nein, ich hab Marvin kennengelernt, vor dreieinhalb Jahren und er hat mich ins Studio eingeladen zu Morten. Dann haben wir da zu dritt rumgesessen. Ich kam grade aus dem VBT raus und war nur die ganze Zeit am Leute beleidigen. Und dann hab ich gesagt: „Machste einfach weiter [lacht]!“ Dadurch, dass wir ein Studio hatten, wo jeden Tag save jemand war, waren wir immer aufeinander und haben Musik zusammen gemacht. Das schweißt zusammen und man entwickelt sich zusammen weiter, auch musikalisch natürlich. Wenn Morten jetzt irgendeinen Effekt entdeckt hat und mir den zeigt und ich kann den für meine Songs verwenden oder andersrum, dann ist das voll aufregend! Wir sind einfach die ganze Zeit damit beschäftigt, den Sound voranzutreiben und den nächsten Schritt zu schaffen. Weil so, wie wir vor drei Jahren gerappt haben, als wir zum ersten Mal zusammen Musik gemacht haben, ist mittlerweile der komplette Mainstream ist im deutschen Hip-Hop. Du findest jetzt auf jeden Fall mehr etablierte Rapper, die auf diesen 808-Film aufspringen.

Bedeutet das, ihr wart auf einmal alle miteinander in einer Art Aufwärtsstrudel und dann auf einmal gefühlt am Olymp?

Nee, guck mal, wir sind ja noch nicht am Olymp! Aber ich sag so, wir haben ernsthafte Reiseziele. Wir haben ernsthafte Reiseambitionen zum Olymp und wir werden sehen, wann wir da ankommen. Und auch wo wir danach hingehen, wenn wir da sind. Weil, wir hören dann ja nicht auf oder so. Es muss ja nun weitergehen!


Textbeitrag: Mathi
Interview: Mathi & Yoscha
Bilder: Dung – danke dafür!

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply


*