FRANKFURT, INTERVIEW, MUSIK

Fein am Main? Heute mal derbe an der Elbe mit Bengio!

Bengio

Campus-Sommerfest der Uni Frankfurt im Juli 2014 – ich war auf der Suche nach jungen Künstlern und Newcomern und bin auf Bengio gestoßen, unwissentlich, dass dieser kurz zuvor bereits das erste Mal in Hamburg bei Samy Deluxe zu Besuch war. Zwei Jahre, einem Signing in Samys KunstWerkStadt und einer dort produzierten EP später treffen wir uns am letzten Freitag wieder. Dieses Mal nicht in Frankfurt, sondern in Hamburg, quatschen wir entspannt in der Strandperle an der Elbe über Heimat, HipHop, Pop, das Leben als Musiker und das kommende Album. 

Was ist eigentlich HipHop, was ist Pop? Oft ist es schwierig, Musiker einem typischen Genre zuzuordnen. Aber ist das überhaupt wichtig? In den USA gibt es duzende erfolgreiche Rapper, die auch in der Pop-Welt erfolgreich sind – egal ob mit bekannter weiblicher Stimme für die Hook oder selbst gesanglich begabt. In Deutschland ist Pop, gerade unter HipHop-Fans ein oft verschrienes Thema. Doch auch hierzulande gibt es einige Künstler, die eine Begabung für beide Genres mitbringen und erfolgreich damit sind. Ist der Rap dann überhaupt noch authentisch? Ich kann hier keine Pauschalantwort geben – aber bei Bengio in jedem Fall. Als Schützling von Samy Deluxe lebt er den deutschen HipHop, möchte sowohl auf Gesang als auch auf Doubletime-Passagen nicht verzichten und schafft mit seiner Musik ein breites Publikum zu begeistern. Aber zunächst einmal für alle, die den Hessen und Wahlhanseaten noch nicht kennen ein Quick-Start:

Name: Ben-Giacomo Wortmann
Alter: mittlerweile 23
Drei Hard Facts: Ich bin auf jeden Fall ein riesen Chaot, aber finde mich immer irgendwie zurecht. Ich komm ganz gerne zu spät und ich bin immer komplett ehrlich.
Das geht immer: Pizza
Das geht gar nicht: FC Bayern
Apfelwein oder Astra: Astra
Ich entspanne: Hier in der Strandperle und in Italien bei der Familie.
Heimat ist für mich: Kein Ort, sondern wo meine Familie ist. Neben Italien ist die verstreut in Frankfurt, Köln, irgendwie überall. Klar, auf jeden Fall auch Fulda, dort bin ich aufgewachsen.

Den Lebensmittelpunkt mittlerweile nach Hamburg verlegt, um dort zusammen mit Matteo Capreoli und Samy Deluxe Musik zu machen, weckt Hessen nicht nur Kindheitserinnerungen.

„Ich kenne mittlerweile einige Musiker aus Hessen, war zum Beispiel mit Namika auf Tour und ein paar Mal in Frankfurt in ihrem Studio. Für mich war früher Hessen bzw. Fulda das Problem, da ich keinen Kontakt zu Leuten hatte, die überregional Musik machen. Jetzt auf Tour waren lustigerweise hauptsächlich Hessen dabei. In Hamburg bin ich seit zwei Jahren, allerdings habe ich das Gefühl ich kenne Matteo und Samy schon sehr lange. Klar, Samy begleitet mich musikalisch ja auch schon weitaus länger.“

Deutschrap und HipHop-Größen wie Samy Deluxe, die Beginner oder Freundeskreis wurden Ben von seinem Vater, selbst ehemaliger DJ und heute Konzertveranstalter in Fulda, vorgestellt.

„Mein Vater hat eine riesige CD und Plattensammlung. Also habe ich ganz klischeehaft mit ihm viel Musik gehört. Übers Fußball habe ich später ältere Freunde kennengelernt, die schon Musik gemacht und mit mir im Jugendtreff zum ersten Mal etwas aufgenommen haben. Anfangs nur aus Spaß habe ich Songs über persönliche Erfahrungen geschrieben und dabei gemerkt, dass es mir gut tut, Sachen aufzuschreiben.“

Nach dem Abi beschloss der damals 19-Jährige ein Album zu machen, finanzierte die Studiomiete durch einen Kellnerjob und nahm Produktion und Vermarktung selbst in die Hand. Mit dem Song „Ich Komm Nach Hause Jetzt“ schaffte er 2013 den überregionalen Durchbruch und wurde für den New Music Award nominiert.

„Wenn ich mir heute das erste Album anhöre, schäme ich mich fast ein bisschen, ist eben viel Standard. Aber ‚Ich Komm Nach Hause Jetzt‘ mag ich tatsächlich noch. Ich habe schon in den Song das richtige Gefühl reingepackt.“

Aus Plänen wie Psychologie oder Music Business zu studieren wurde nichts. Bereits an der Akademie Deutsche POP angenommen, sendete Ben dem Manager von Samy Deluxe spontan ein paar Demos zu und der Hamburger Rapper antwortete mit guten Nachrichten.

„Ich musste mich entscheiden zwischen Vernunft und Traum. Ich habe dann auf meine Musik gehört. Ich mein, ich rede da von Träumen und sein Ding machen, also bin ich den Weg gegangen.“


BENGIO
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Vor kurzem noch selbst Beats eingekauft und passende Lines darauf geschrieben, eröffnete sich durch die Arbeit in der KunstWerkStadt neue Welten.

„Jetzt kann ich komplett das machen, was ich machen will. Matteo Capreoli hat bereits meine EP Unterwegs produziert und ist jetzt mit mir am Album dran. Er spielt alle Instrumente und wir haben ein riesengroßes Studio. Heute habe ich Song-Ideen, bastle teilweise die Skizzen selbst und sage dann: ‚Das Feeling und die Idee ist es und jetzt lass uns das mal ausproduzieren.'“

Auch textlich konnte sich der Newcomer, der all seine Songs selbst schreibt, weiterentwickeln.

„Man haut mir ab und an mal auf die Finger. Das tut weh und ist nicht mehr so komfortabel, wenn man ganz ehrlich zu sich selbst sein muss. Ein Text ist das Persönlichste von dir. Wenn das jemand kritisiert, fühlt es sich an wie ein Angriff auf dich. Ich weiß aber, dass die Leute hier nur das Beste für mich wollen.“

Ursprünglich sollte das Album diesen Sommer rauskommen. Doch Anfang des Jahres supportete Bengio Namika auf ihrer „Lieblingsmensch“-Tour und die Studio-Arbeit musste warten.

„Mateo ist bei zwei Terminen für Namikas Tour ausgefallen. Ich bin eingesprungen und es hat menschlich so gut gepasst, dass sie mich mit eingebaut haben. In Frankfurt war es sogar zweimal richtig krass. Ich glaube, ich habe bei der zweiten Show sogar auf der Bühne gesagt, dass sie das heftigere Publikum gewesen sind. Ich bin eben immer ehrlich und manchmal kann ich das auf der Bühne auch nicht abstellen – das hat Vor- und Nachteile.“

Privat auch gerne mal Shindy auf den Ohren ist Bengio mit seiner eigenen Musik sowohl raptechnisch als auch gesanglich sehr gut aufgestellt. Er fühlt sich in beiden Genres wohl. Nach vielen Auftritten zusammen mit Samy Deluxe, ASD oder Chefket ist die Tour mit Namika eine Möglichkeit, dem Pop-Kosmos näher zu kommen.

„Vor einem Publikum, das sowohl aus Rap-Fans als auch aus Leuten, die das einfach aus dem Radio kennen oder Kindern besteht, ist man viel freier. So ein offenes Publikum wäre natürlich auch mein Wunsch bei eigenen Konzerten.“

Wir sprechen über Rap und Pop, da kommt einem natürlich schnell Cro mit seinem Raop in den Kopf, zu welchem auch der Wahlhanseate mittlerweile des Öfteren gezählt wird.

„Das ist für mich ok. Ich habe im Zuge der Unterwegs EP überlegt, wie ich denn überhaupt bezeichne, was ich da mache. Die nennen es Raop, ich nenne es Singer-Songrapper und grenze mich so noch ein wenig davon ab. Ich komme aus dem Rap, mein Schreiben ist geprägt von Reimen und der Technik. Allerdings rappe ich eben nicht darüber, dass ich superfresh und überkrass bin, sondern schreibe eigentlich inhaltlich eher wie ein Singer-Songwriter.“

Der 23jährige macht keinen Hehl daraus, dass er sich im Pop wohl fühlt. So schafft er einen authentischen Ausgleich zwischen Rap und Gesang und bedient mit seiner EP ein breites Publikum. Auch das kommende Album wird viele gesangliche Elemente enthalten, aber auch gerappte Parts und Doubletime-Passagen, das war dem jungen Musiker wichtig.

Inhaltlich ist die Unterwegs-EP geprägt von Themen wie Sehnsucht und Freundschaft und verbreitete eine positive Melancholie. Da stellt sich natürlich die Frage, ob diese Stimmung auch im Album weitergeführt wird, oder ob auch ernste Themen aufgegriffen werden.

„Das ist ein schwieriges Thema. Ich mag es eigentlich nicht mit dem Zeigefinger auf irgendwelche sozialkritischen Dinge zu zeigen. Es wird wieder Songs geben, die einfach nur das Gefühl transportieren, und ich habe einen Song geschrieben, der da direkter ist. Gerade ist einfach so viel los auf der Welt, dass ich kein Album machen kann ohne einen Song, der diese Weltuntergangs-stimmung thematisiert.“

Das Album kommt im Frühjahr 2017. Bis dahin nennt Bengio Aufstehen und bis abends Musik im Studio machen seinen Alltag.

„Das ist der beste Job der Welt und ich freue mich auf alle Konzerte und Festivals diesen Sommer, die einen sogenannten Alltag dann auch einfach wieder inexistent machen.“

An alle HipHop-Fans, Deutschrap-Fanatiker, Pop-Sympathisanten oder Radiohörer – ihr solltet euch den Jungen nicht entgehen lassen und bei dem ein oder anderen bevorstehenden Auftritt auf den diesjährigen Festivals in eurer Nähe am Start sein. Tankt mit Bengio noch einmal die Gute-Laune-Reserven vor dem Winter auf, bevor im Frühjahr dann seine eigene Tour zum neuen Album folgt – mit Sicherheit auch mit einem Stopp in Frankfurt.

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